
WuXi AppTec setzt auf Expansion in Europa
Der chinesische Life-Science-Dienstleister WuXi AppTec gehört zu den weltweit größten Anbietern von Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsdienstleistungen (CRDMO) für die Pharma- und Biotechnologiebranche. Das Unternehmen begleitet Kunden entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der frühen Wirkstoffforschung über präklinische und klinische Entwicklung bis hin zur kommerziellen Herstellung. Das stark wissenschaftlich geprägte Unternehmen hat in der Vergangenheit durch Zukäufe internationale Standorte aufgebaut. Aus dem Proteindesign-Zentrum in Gräfelfing bei München soll das gesamteuropäische Kompetenzzentrum für Drugdiscovery werden. Wir sprachen mit Steve Yang, Co-CEO von WuxiApptec.
In Europa ist WuXi AppTec seit der Übernahme der Münchner Crelux im Jahr 2016 vertreten. Der Standort wurde seitdem kontinuierlich ausgebaut und bildet heute einen wichtigen Baustein der europäischen Forschungsaktivitäten des chinesischen Unternehmens.
Gleichzeitig befindet sich WuXi AppTec in einem anspruchsvollen geopolitischen Umfeld. In den USA stand das Unternehmen zuletzt im Mittelpunkt sicherheitspolitischer Diskussionen über den Einfluss chinesischer Biotechnologiefirmen. Auch wenn sich einige ursprünglich geplante regulatorische Maßnahmen inzwischen abgeschwächt haben, beobachten viele Pharmaunternehmen ihre Lieferketten und Entwicklungsprogramme genauer als noch vor wenigen Jahren. WuXi AppTec setzt deshalb verstärkt auf regionale Standorte und betont eine Strategie, die globale Vernetzung mit lokaler Präsenz verbinden soll.
Im persönlichen Gespräch mit |transkript in Berlin erläutert Co-CEO Steve Yang, warum Europa aus seiner Sicht wissenschaftlich eine Schlüsselrolle spielt, weshalb der Münchner Standort weiter ausgebaut wird und welche Bedeutung Vertrauen, Qualität und internationale Zusammenarbeit für das Unternehmen haben. Thema war auch der geopolitische Konflikt, den insbesondere die US-Regierung in vielen Aktivitäten zur „Abwehr“ einer chinesischen Vormachtstellung zu instrumentalisieren weiß. Yang bleibt dort diplomatisch. Großteile der WuxiApptec-Führungsmannschaft seien US-Bürger, die meisten in den USA ausgebildet. Grenzen in der Wissenschaft zu ziehen, sei nicht zielführend, neue Erkenntnisse seien sofort global verfügbar. Im Gespräch ging es daher eher um den deutschen Standort und die Perspektive auf Europa.
transkript: Herr Yang, WuxiApptec bietet alles an Technologie und Wissenschaft an, was man sich aktuell nur wünschen kann. Wie bewerten Sie die Landschaft der vielen spezialisierten deutschen Unternehmen?
Steve Yang: Europa bringt hervorragende wissenschaftliche Forschung hervor. Die Herausforderung besteht darin, diese Wissenschaft in Wirkstoffkandidaten, Entwicklungsprogramme und letztlich in Medikamente zu überführen. Alles, was diesen Transfer beschleunigt, schafft Mehrwert. Genau dort glauben wir, einen Beitrag leisten zu können.
transkript: Deshalb haben Sie auch Ihren Standort in München ausgebaut?
Steve Yang: Genau. Als wir das Münchner Unternehmen Crelux übernommen haben, bestand das Team aus rund 30 Mitarbeitern auf etwa 700 Quadratmetern. Heute, rund zehn Jahre später, arbeiten dort mehr als 100 Beschäftigte. Rund 70 Prozent verfügen über einen Master- oder Doktortitel. Die Labor- und Büroflächen sind auf etwa 3.000 Quadratmeter gewachsen, und wir investieren weiter. Unser Ziel ist es, den Standort zu einem globalen Kompetenzzentrum für Discovery Biology auszubauen.
transkript: Wie wichtig ist für Sie die räumliche Nähe zu Ihren europäischen Kunden? Könnten Sie nicht einfach sagen: Kommen Sie zu unseren Standorten in China – dort können wir alles erledigen und die Produkte anschließend nach Europa liefern? Oder hat sich die Situation inzwischen so verändert, dass Entwicklungs- und Produktionskapazitäten auch in Europa erforderlich sind?
Steve Yang: Wir sind überzeugt, dass Globalisierung und Lokalisierung zwei Seiten derselben Medaille sind. Durch Standorte in verschiedenen Regionen können wir unseren Kunden mehr Flexibilität und eine höhere Versorgungssicherheit bieten. Auch wenn diese Einrichtungen geografisch verteilt sind, arbeiten sie alle nach denselben globalen Qualitätsstandards und werden von einer gemeinsamen internationalen Organisation geführt.
transkript: Stichwort Kundennähe und Vertrauen. Müssen Sie sich das Vertrauen Ihrer Kunden immer noch neu erarbeiten, oder ist Ihr Ruf inzwischen so gefestigt, dass die Kunden wissen, was sie erwarten können?
Steve Yang: Vertrauen ist nichts, das man einmal gewinnt und dann dauerhaft besitzt. Man muss es sich immer wieder neu verdienen. Die Wissenschaft entwickelt sich weiter, und auch die Anforderungen unserer Kunden verändern sich. Unser Anspruch ist deshalb, uns kontinuierlich zu verbessern und das Vertrauen unserer Kunden immer wieder aufs Neue zu rechtfertigen.
transkript: Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?
Steve Yang: Gern. Allein im vergangenen Jahr haben wir 741 Audits durch Kunden und Aufsichtsbehörden durchlaufen. Darunter waren mehr als 50 Inspektionen durch Behörden sowie rund 60 Audits zur Informationssicherheit. Keines dieser Audits führte zu kritischen Beanstandungen. Dieses Niveau aufrechtzuerhalten, erfordert kontinuierliche Anstrengungen. Jedes Jahr müssen wir erneut nachweisen, dass unsere Qualitätssysteme, unser Datenschutz, der Schutz geistigen Eigentums und unsere Produktionsstandards höchsten Anforderungen entsprechen.
Targeted Protein Degradation und Molecular Glues
transkript: Lassen Sie uns über ein ganz aktuelles wissenschaftliches Feld sprechen: Targeted Protein Degradation und Molecular Glues. Diese Bereiche entwickeln sich derzeit zu wichtigen Forschungsfeldern. Man hat fast den Eindruck, dass klassische Antikörper eines Tages altmodisch wirken könnten – verglichen mit Degradern, Proximity-Inducing Compounds und anderen neuen Ansätzen, mit denen sich Proteine gezielt beeinflussen lassen.
Steve Yang: Diese Begeisterung teile ich vollständig. Heute verfügen wir über eines der größten wissenschaftlichen Teams der Branche, das sich mit heterobifunktionellen Molekülen beschäftigt – also mit dem, was die meisten einfach als Degrader bezeichnen. Jeder Entwicklungsschritt bringt eigene wissenschaftliche Herausforderungen mit sich. Wir versuchen, entlang dieses gesamten Entwicklungswegs Lösungen anzubieten.
transkript: Stellen Sie sich eine ideale Zukunft vor: Wäre das eine Welt, in der alle einfach der Wissenschaft folgen? In der Forscher unabhängig davon den besten Partner wählen, ob dieser in China, Europa oder den USA sitzt?
Steve Yang: Ja, ganz eindeutig. Unsere Vision ist einfach: Jedes Medikament soll hergestellt werden können, und jede Krankheit soll behandelbar sein. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen unzählige wissenschaftliche, technische und operative Herausforderungen gelöst werden. Das Gesundheitswesen unterscheidet sich grundlegend von vielen anderen Industrien. Krankheiten kennen keine Landesgrenzen. Es gibt keine deutsche Form von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und keine amerikanische Form von Krebs. Patientinnen und Patienten überall auf der Welt verdienen Zugang zu hochwertigen Arzneimitteln. Und auch die Wissenschaft kennt keine Grenzen. Forscher veröffentlichen ihre Erkenntnisse, Wissen verbreitet sich weltweit. Genau dieser Austausch von Wissen gehört zu den größten Stärken der Wissenschaft.

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